Beachte alle vier Rollen (#1)

Beachte in deiner persönlichen Entwicklung alle vier Rollen der Beeinflussung

Eine klare Rollenverteilung in einem Team oder für sich selbst bei mehreren Mandaten ist wichtig, um sich am rechten Ort abgrenzen zu können. Im Blick auf unsere Weiterentwicklung sind alle Rollen wichtig. Sonja Radatz spricht von «vier Beratungs- oder Führungsstilen» (Beratung ohne Ratschlag, S. 98). Ihre Grafik passe ich für mein Verständnis der verschiedenen Rollen als Begleitperson an: 

Der Trainer / Berater weiss in der Theorie, was ist und weiss, wie es umgesetzt sein soll. Somit ist der Trainer einer, der Wissen vermittelt. Er ist diesbezüglich einen Schritt weiter. Jemand ist zum Beispiel als Lehrer an einer Schule oder an Kursen in Vereinen tätig, oder er ist in der Beratung mit psychisch angeschlagenen Leuten unterwegs. Im Blick auf den GPI Persönlichkeitstest ist es naheliegend, dass der Trainer auch konsequente Anteile hat. 

Der Mentor weiss, wie es sein soll und will das in der Praxis umgesetzt sehen. Er begleitet Mentees und wirkt mit seinem Wissen und seiner Erfahrung als Experte. Er berät und gibt Feedback. Ein Arbeitgeber mentort zum Beispiel die Praktikanten oder führt ein Team. Bezüglich GPI ist es gut, geschäftige Anteile zu haben. 

Der Coach kennt sich selbst gut und kann bei Kunden Neues (Unbewusstes) hervorholen. Er begleitet Menschen in ihren Prozessen, ohne selbst in der Umsetzung anwesend zu sein. Der Coach begleitet Menschen, die gerade anstehen oder eine persönliche Veränderung anstreben. Dies nicht, indem er sagt, was ist, sondern indem er durch „die richtigen Fragen“ Menschen zur Selbsterkenntnis führe. Es macht Sinn, wenn der Coach auch gemütliche Anteile hat. 

In Kirchen gibt es zudem auch Seelsorger. Sie sind nahe am praktischen Leben des Ratsuchenden und tragen in Krisen mit. Es ist gut, wenn ein Seelsorger freundliche Anteile hat. 

Diese Quadranten passen auch gut zur persönlichen Veränderungskurve (Vier-Zimmer-Modell):

  1. Den Seelsorger braucht es vor allem in der ersten Phase des Schocks. Jemand erhält zum Beispiel die Kündigung der Arbeitsstelle.
  2. Der Coach begleitet dann in der 2. Phase des Widerstandes und der Verneinung (man kann das Erlebte noch nicht richtig glauben, oder wehrt sich dagegen) wie in der 3. Phase der Akzeptanz (intellektuell wie emotional) und des Erkundens.
  3. Der Trainer ist vor allem in der 3. Phase tätig, indem Neues entdeckt und neue Verhaltensmuster eintrainiert werden. Der Blick weitet sich.
  4. Der Mentor begleitet dann in der 4. Phase der Neuorientierung und Integration. Man findet sich in der neuen Aufgabe zurecht.

Beziehen wir diese vier Rollen auf die persönliche Ausbildung und Weiterentwicklung, hat jeder Mensch – je nach Persönlichkeitstyp – seine Präferenzen. Der konsequente Typ will am liebsten nur das sachliche Wissen aufnehmen (Trainer / Lehrer). Doch die Wissensvermittlung alleine macht noch keine Ausbildung, auch wenn dies in der Vergangenheit oft so praktiziert wurde. In unserer vielschichtigen Zeit muss Persönlichkeitsentwicklung mehr beinhalten.

Ständige sachliche Weiterbildung ist zwar unabdingbar, um sich entwickeln und verändern zu können, das gelernte Wissen muss aber auch anwendbar sein. Erst, wenn man verstanden hat, wie man Wissen anwenden kann, hat man den Inhalt verstanden (Mentor). Die gewonnene Erfahrung macht den Unterschied zum Schulabsolventen.

Wissen und Anwendung bleiben dabei auf der Sachebene. Der Mensch hat aber auch eine emotionale Seite. Zum erfolgreichen Arbeiten gehören darum – nebst Sachwissen und Erfahrung – auch die charakterliche Stärke. Nur eine Person, die sich selbst reflektiert und Veränderungsprozesse angeht, kann auf die Dauer erfolgreich bestehen. Da aber jeder Mensch seine blinden Flecken hat, brauchen wir eine Aussensicht. Ein Coach bewirkt, dass wir für unser Leben neue Fragen gestellt bekommen. So arbeiten wir an uns selbst.

Als Christ ist es zudem entscheidend, dass wir uns auch spirituell weiterentwickeln. Die Begegnung mit Gott und Mitmenschen wirkt sich auf unsere Kompetenz aus (Seelsorger). Gott hat sich uns in der Bibel offenbart, woraus wir Leitung für unsere Leben erhalten.

Spielen alle vier Bereiche der Beeinflussung zusammen, ist eine zukunftsgerichtete Persönlichkeitsentwicklung und ein erfolgreiches Bestehen in der Gemeinschaft und der Arbeitswelt optimal möglich.

Bibellese im Wandel der Zeit

Während es noch vor einer Generation üblich war, dass Gemeinden einen Bibelabend anboten, wurde diese Möglichkeit nach und nach durch die Kleingruppenarbeit ersetzt. Hintergrund war die langsame Abkehr von einem argumentativen Christsein. Dieses intellektuelle Christsein war vorher nötig, da der Theologe Rudolf Bultmann 1941 in seinem Buch „Neues Testament und Mytholgie“ zur „Entmythologisierung“ der Bibel aufgerufen hatte. Alle Wunderberichte seien lediglich Mythen, die man in einer modernen Zeit nicht mehr glauben könne. Die Folge war, dass in Freikirchen der Glaube mit Argumenten apologetisch gefestigt wurde. Die Schweiz erlebte diese heisse Phase in den 70er Jahren. In den 90er Jahren schien der Angriff abgewehrt zu sein, sodass das praktische Leben als Christ in den Vordergrund trat. Kleingruppen verdrängten den Bibelabend.
Was historisch gesehen verständlich ist, zeigt eine Generation später ihre Folgen. Die Bibel wird nicht mehr so intensiv gelesen. Die Erkenntnis über den biblischen Inhalt schwindet, respektive baut sich schon gar nicht mehr auf. Die postmoderne Zeit steuert das ihre dazu bei, indem die Wahrheit als etwas Relatives angesehen wird. Wahr ist, was einem etwas nützt. Wenn jemand etwas erlebt hat, ist dies der Beweis dafür, dass das Erlebte wahr ist. Was die Heilige Schrift dazu sagt, bleibt kaum beachtet. Häufig sind es mehr die eigene Tradition und der Mainstream einer Bewegung oder einer Gemeinde, die die Wahrheit der Bibel definieren, statt die saubere Exegese (Auslegung) der Schrift. Da vielerorts die Geschichte des eigenen Verbandes weitgehend unbekannt ist, entstehen aber viele Subströmungen. Jeder bringt seine Ideen und Meinungen ein, ohne sich der eigenen Hermeneutik (Lehre über die Auslegung der Schrift) bewusst zu sein. In unseren Gemeinden ist darum vieles theologisch unreflektiert. Dies wiederum führt zu heftigen Meinungsverschiedenheiten, was der Zusammenarbeit nicht förderlich ist.
Eine Neuauflage von Bibelkenntnis ist von Nöten! Nur durch die Erkenntnis der Schrift kann der Glaubende auf Christus hin wachsen. Es erstaunt darum nicht, dass auch Paulus und Petrus oft für die Gemeinde beten, dass diese an Erkenntnis über Gott zunehmen dürfen (Eph 1,17; Phil 1,9; Kol 1,9; 2,2; Tit 1,1; Phlm 6; 2. Petr 1,3; 3,18). Die Schrift eröffnet uns geistliche Zusammenhänge, die wir nur durch Offenbarung von Gott erhalten können.
Interessant ist, dass die Reveal-Studie der Willow Creek Church, die untersuchte, wie Glaubende geistlich wachsen, im Jahre 2004 zum Schluss gekommen ist, dass das intensive Nachdenken über und Leben mit der Bibel der kraftvollste Faktor im geistlichen Wachstum ist. Stehen wir uns da selbst im Weg, uns geistlich entwickeln zu können?