Bibellese im Wandel der Zeit

Während es noch vor einer Generation üblich war, dass Gemeinden einen Bibelabend anboten, wurde diese Möglichkeit nach und nach durch die Kleingruppenarbeit ersetzt. Hintergrund war die langsame Abkehr von einem argumentativen Christsein. Dieses intellektuelle Christsein war vorher nötig, da der Theologe Rudolf Bultmann 1941 in seinem Buch „Neues Testament und Mytholgie“ zur „Entmythologisierung“ der Bibel aufgerufen hatte. Alle Wunderberichte seien lediglich Mythen, die man in einer modernen Zeit nicht mehr glauben könne. Die Folge war, dass in Freikirchen der Glaube mit Argumenten apologetisch gefestigt wurde. Die Schweiz erlebte diese heisse Phase in den 70er Jahren. In den 90er Jahren schien der Angriff abgewehrt zu sein, sodass das praktische Leben als Christ in den Vordergrund trat. Kleingruppen verdrängten den Bibelabend.
Was historisch gesehen verständlich ist, zeigt eine Generation später ihre Folgen. Die Bibel wird nicht mehr so intensiv gelesen. Die Erkenntnis über den biblischen Inhalt schwindet, respektive baut sich schon gar nicht mehr auf. Die postmoderne Zeit steuert das ihre dazu bei, indem die Wahrheit als etwas Relatives angesehen wird. Wahr ist, was einem etwas nützt. Wenn jemand etwas erlebt hat, ist dies der Beweis dafür, dass das Erlebte wahr ist. Was die Heilige Schrift dazu sagt, bleibt kaum beachtet. Häufig sind es mehr die eigene Tradition und der Mainstream einer Bewegung oder einer Gemeinde, die die Wahrheit der Bibel definieren, statt die saubere Exegese (Auslegung) der Schrift. Da vielerorts die Geschichte des eigenen Verbandes weitgehend unbekannt ist, entstehen aber viele Subströmungen. Jeder bringt seine Ideen und Meinungen ein, ohne sich der eigenen Hermeneutik (Lehre über die Auslegung der Schrift) bewusst zu sein. In unseren Gemeinden ist darum vieles theologisch unreflektiert. Dies wiederum führt zu heftigen Meinungsverschiedenheiten, was der Zusammenarbeit nicht förderlich ist.
Eine Neuauflage von Bibelkenntnis ist von Nöten! Nur durch die Erkenntnis der Schrift kann der Glaubende auf Christus hin wachsen. Es erstaunt darum nicht, dass auch Paulus und Petrus oft für die Gemeinde beten, dass diese an Erkenntnis über Gott zunehmen dürfen (Eph 1,17; Phil 1,9; Kol 1,9; 2,2; Tit 1,1; Phlm 6; 2. Petr 1,3; 3,18). Die Schrift eröffnet uns geistliche Zusammenhänge, die wir nur durch Offenbarung von Gott erhalten können.
Interessant ist, dass die Reveal-Studie der Willow Creek Church, die untersuchte, wie Glaubende geistlich wachsen, im Jahre 2004 zum Schluss gekommen ist, dass das intensive Nachdenken über und Leben mit der Bibel der kraftvollste Faktor im geistlichen Wachstum ist. Stehen wir uns da selbst im Weg, uns geistlich entwickeln zu können?