Einander vergeben – aber richtig! (#4)

Von Rahel & Florian Sondheimer

Kompetenzförderung YWBS Sondheimer

Den Groll loslassen

Die Sache mit dem Vergeben ist gar nicht so einfach. Klar, dass Vergebung eine Notwendigkeit ist, um mehr Leichtigkeit zu erlangen, ist heute nicht nur unter Frommen ein Thema. Doch ist Vergeben der erste Schritt? Ich sage: «Nein» – Erstaunt? Ganz bestimmt…

Um Vergeben zu können, benötige ich leere Hände, da ich Vergeben nicht aus mir selbst kann. Vergebung ist ein Geschenkt, welches ich zuerst empfangen und erst dann weitergeben kann. Der erste Schritt ist also das Loslassen. Beim Loslassen geht es darum, den Täter innerlich loszulassen und ihm die Verantwortung für sein Tun zurückzugeben.

  • Ich halte den Täter nicht mehr fest – damit werden meine Hände frei, etwas zu empfangen (Gnade) und weiter zu geben: Die Vergebung!

Du findest loslassen schwieriger als Vergeben? Ja, das ist oft so. Denn beim Loslassen geht es nicht um ein «frommes Gebet», sondern um die Auseinandersetzung mit den eigenen toxischen Gedanken. Und sich mit Gift auseinandersetzen ist nicht gerade angenehm. Aber, es ist der Weg in die Freiheit – in die Leichtigkeit, die du so gerne haben möchtest. Gerne gebe ich dir drei klärende Fragen mit auf den Weg:

1. Was sind deine Gründe, nicht loslassen zu wollen?

  • Niemanden mehr haben den ich anklagen kann
  • Kann mich nicht weiter in meiner Opferhaltung suhlen
  • Kann nicht mehr an meinem Groll festhalten
  • Stolz
  • Dann muss ich alte Verhaltensmuster loslassen

2. Was liegt vor mir, wenn ich nicht loslasse?

  • Ich halte weiter an meinen alten Mustern fest z. B.
    • Überhöhte Ideale
    • Abwerten
    • Mich selbst runtermachen
    • Ich halte an der Opferhaltung fest, verhindere, mich selbst als Täter zu sehen und dafür die volle Verantwortung zu übernehmen; vor allen ist die Nähe, der Kontakt zu Gott weiterhin gestört

3. Vor was muss ich kapitulieren, um vergeben zu können?

  • Stolz
  • Vermeintliche Stärke, die Schwäche nicht zulassen kann
  • Von der Überzeugung, dass ich nur Opfer – nicht Täter bin

Vergeben – Verzeihen – Versöhnung

Gibt es zwischen Vergeben, Verzeihen und Versöhnen einen Unterschied?
Ja, definitiv. Anbei eine Definition:

Wer vergibt, gibt etwas her. Er verzichtet auf den Schuldvorwurf und auf seinen Anspruch der Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts, ohne die erlittene Verletzung zu relativieren oder zu entschuldigen.

Wer verzeiht, verzichtet im wahrsten Wortsinn ebenfalls auf den Schuldvorwurf und den Anspruch der Wiedergutmachung. Beim Verzeihen wird der Täter mit in das Geschehen einbezogen. Verzeihen ist im Gegensatz zur Vergebung ein zwischenmenschlicher Prozess. Verzeihen setzt allerdings nicht zwingend voraus, dass man mit dem Täter eine zukünftige innige Beziehung wiederherstellen möchte.

Versöhnung ist mehr als vergeben und verzeihen. Versöhnen setzt voraus, dass der Täter seine Tat einsieht, sie bereut und beide – Opfer und Täter – den Wunsch haben, aufeinander zuzugehen, einen Schlussstrich unter das Vergangene zu ziehen, verbunden mit dem Wunsch nach einer zukünftigen guten Beziehung.

  • Wie wäre es, den ersten Schritt zu tun? Ich lade dich ein dazu. Denn:

Das Leben kann nicht abheben, wenn das Gepäck nicht abgegeben werden möchte.

Bild: © Andreas Stutz

Vergebung als Prozess

Muss man nun anderen einfach demütig vergeben und darf sich nicht wehren? In der nuthetischen (ermahnenden) Seelsorge wurde das oft propagiert. Jedes Problem wurde an unvergebener Sünde gegenüber Gott oder Meschen verortet. Nein, Jesus sagt in Mt 18,15, sündiges Verhalten unter vier Augen anzusprechen. Es geht nicht darum, nichts sagen zu dürfen und einfach vergeben zu müssen. Ungute Dinge sollen aufgearbeitet werden, allenfalls mit einem Vermittler.

Und was ist, wenn man keine Kraft mehr hat, zu vergeben? Wenn über viele Jahre hinweg Schweres geschah? Wenn man sehr wohl vor Gott vergeben hat, aber emotional ist es immer noch gleich?

  • Stichwort: Schwiegermutter zur Schwiegertochter.
  • Oder ein Arbeitgeber, der sehr sachorientiert, man selbst aber beziehungsorientiert ist.
  • Oder da ist ein Ehepaar, wobei der Mann häufig seine Linie durchzieht. Um der Kinder willen machte die Frau über Jahre kein Aufsehen. Man müsse ja vergeben… Bis sie dann einbrach.

Sich vergeben ohne Dinge anzusprechen ist keine fromme Tugend. Kleine, einmalige Dinge: ja, denn die Liebe deckt viele Sünden zu (1Petr 4,8). Aber wenn es sich häuft, dann Dinge rechtzeitig offen anspreche. Hole dabei genügend früh Hilfe von aussen. Da man selbst Teil des Problems wurde, geht es alleine oft nicht. Wenn man keine Kraft zur Vergebung mehr hat, ist es häufig zu spät.

Zuweilen erlebt man in der Seelsorgepraxis auch, dass es bei grossen Dingen oft nicht reicht, einmal zu vergeben. Hat man ein Trauma über Raten erlebt, in dem über Jahre immer wieder etwas dazukam, bedeutet Vergebung oft, 70×7 Mal (Mt 18,22) zu vergeben. Wenn Gott uns Dinge lässt aus unserer Vergangenheit aufarbeiten, braucht es häufig – über einen längeren Zeitraum hinweg – ein permanentes Vergeben können. Schicht um Schicht wird abgetragen und vergeben: eben 70×7 Mal. Bei grossen Verletzungen kann das Vergeben somit einige Zeit in Anspruch nehmen.

In 2. Korinther 2,10 drückt es Paulus so aus: «Wem aber ihr etwas vergebt [immer wieder], (dem vergebe) ich auch. Denn auch ich habe, wenn ich etwas zu vergeben hatte, es vergeben [abgeschlossen] um euretwillen vor Christi Angesicht.» «Ich vergebe» ist oft ein Prozess, bis man dann sagen kann: «Ich habe vergeben». Wir hätten es gerne schnell: Wir bitten Gott im Gebet (allenfalls mit einem Seelsorger) um einen Durchbruch, und schwups, alles ist gut. Doch dadurch würde unser Wesen nicht verändert. Es gilt, hinzusehen, sich zu reflexieren und an sich zu arbeiten!

Ob es danach auch wieder zur Versöhnung und zum neuen Vertrauen kommt, ist eine andere Frage. Manchmal hat man vergeben, aber die Kraft reicht nicht mehr, wieder Vertrauen aufzubauen. Aber das ist ja bei uns allen so, dass wir nicht zu allen Menschen ein tiefes Vertrauen haben, und das ist auch nicht weiter falsch. Vergeben ist nicht erst dann geschehen, wenn es wieder so friedlich war wie vorher. Verletzungen können heilen, die Narben hingegen bleiben zuweilen bestehen.

Einander vergeben um Jesu Willen

Jesus macht in Matthäus 18 ein Gleichnis: «Als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm 10’000 Zentner Silber schuldig.» (V24). Hier rechnet ein König durch einen Verwalter ab. Dieser entdeckt, dass einer der Knechte in der Schuld zum Herrn stand. Wie gross war dessen Schuld? 10’000 Zentner Silber entsprach dem Staatshaushalt von König Agrippa. Diese Menge Geld (= 60’000’000 Tagelöhne) besitzt niemand. Es geht hier aber nicht um die absolute Höhe, ist 10’000 Zentner Silber ja auch ein runder Betrag, sondern es geht darum, dass die Schuld unzurückzahlbar hoch ist. So gross stehen wir alle vor Gott in der Schuld. Wir sind von Geburt an durch und durch Sünder (Röm 3,12). Das Gleichnis macht aber klar, dass wir total verdorben sind. Um das zu erkennen, gab Gott uns das Gesetz (Röm 3,20). Das Gesetz spricht nicht nur vom nicht Töten oder Ehebrechen, sondern Jesus zeigt, wie es eigentlich gedacht war: Die Gedanken zählen (Mt 5,22.28)! Wir alle haben schon alle der Zehn Gebote zumindest in Gedanken übertreten. Wir haben keine Chance, die Gebote zu halten. Immer wieder fallen wir doch in eine Sünde, selbst, wenn wir das gar nicht wollen (Röm 7,15; Gal 5,17). Die alte, sündige, fleischliche Natur keimt immer wieder auf. Von uns aus sind wir dermassen sündhaft, dass wir ständig Gebote übertreten (1Tim 1,15; Jak 4,8; 5,20). Unser Fleisch will sündigen. Von uns aus haben wir keine Chance, vor Gott zu bestehen. Unsere Schuld vor Gott ist unvorstellbar gross, auch mit den besten Anstrengungen können wir kein sündloses Leben führen (Gal 3,11). Wir verfehlen uns ständig vor Gott (Jak 3,2; 1Joh 1,8). Unser Wesen kann der Sünde nicht widerstehen. Darum häufte sich – wie im Gleichnis dargestellt – diese grosse Schuld auf. Wir alle hätten die Hölle verdient.

Der Knecht bittet seinen Herrn aber um Vergebung. «Der Herr jenes Knechtes aber empfand Mitleid, liess ihn frei und erliess ihm das Darlehen.» (Mt 18,27). Jetzt wird die Grösse Gottes sichtbar. Gott schuf den Menschen nicht, dass er die Gebote von sich aus halten könnte, sondern der Mensch soll erkennen, dass er es nicht schafft, sodass er sich Christus zuwendet (Gal 3,24; Röm 10,4). Wie der Herr in diesem Gleichnis dem Knecht alle Schuld erlässt, so geschieht dies bei uns, wenn wir uns zu Jesus bekehren und wiedergeboren werden. Durch den Glauben, dass Gott seinen Sohn von den Toten auferweckt hat, werden wir gerechtfertigt. Jesus Sündlosigkeit wird uns angerechnet.

Dieser Knecht wollte aber wiederum seinen Mitknechten nicht vergeben. Doch jetzt interveniert Jesus: «Hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe?» (Mt 18,33). Wir vergeben einander, weil Jesus uns die noch viel grössere Schuld vergeben hat: «Vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.» (Eph 4,32). Wir warten dabei nicht, bis der andere sich bei uns entschuldigt, denn auch Jesus ist «für uns gestorben, als wir noch Sünder waren.» (Röm 5,8). So werden wir Friedensstifter auf dieser Welt (Mt 5,9).

Das gilt letztlich auch für uns selbst. Ein Herz, dass loslassen und vergeben kann, lebt gesünder. Zuweilen müssen wir – oder vielmehr: dürfen wir – die Vergebung Jesu auch auf uns selbst anwenden. Sich selber wegen einer Fehlentscheidung zu vergeben geht ja nicht. Aber wir dürfen es noch tiefer lernen, in der Vergebung zu leben.


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